Kneipenkind
Als ich klein war, hatten meine Eltern einen Gastronomiebetrieb, wir sprachen von der “Kneipe”. Bis ich etwa 7 Jahre alt war, lebten und arbeiten wir (meine Eltern) dort. Der Betrieb war direkt an unsere Wohnräume angeschlossen und durch den Lagerraum verbunden. Und obwohl ich relativ wenig Erinnerungen von der Zeit vor der Schule habe, könnte ich die Räume aus dem Gedächtnis nachzeichnen. Mein Zimmer war ein Durchgangsraum. Wenn meine Eltern also nach der Arbeit morgens abends schlafengehen wollten, mussten sie sich durch meinen Raum schleichen. Ich hatte ein Schrankbett. Also ein Modell, dass man am Tage nach oben klappte. Und eine Schlafcouch, in der ich meinen Kopf einmal eingeklemmt hatte und das erste Mal mit Klaustrophobie Bekanntschaft machte. Im 1. Geschoss dann das riesige Wohnzimmer, das kleine Bad und der Wäscheraum. Der ist mir besonders in Erinnerung. Ich nannte ihn auch Taschengeldraum. Dort, in den Hosen- und Jackentaschen ergaunerte ich mir in aller Regelmäßigkeit das vergessene Trink- oder Wechselgeld, welches meine Eltern fatalerweise nicht aussortiert hatten. Mit dem Geld ging ich die Straße hinunter in ein kleines Spielgeschäft und erweiterte meine Polly-Pocket-Sammlung.
Bedingt durch die viele Arbeit meiner Eltern hatte ich relativ viel Freiraum. Da meine Schwester mir erst Jahre später folgen sollte, konnte ich als Quasieinzelkind diese auch gut ausnutzen. Wir hatten 2 Spielautomaten, die ich regelmäßig bespielte. Im kleinen Partyraum stand ein Billardtisch, auf dem ich meine Spuren hinterließ. Im Saal, in dem größere Feiern wie Sylvester oder Fasching gefeiert wurden, drehte ich die Musikanlage voll auf und tanzte durch die Gegend. Ich versteckte mich unter Theken, spielte auf der Bühne Theaterstücke nach und baute mir aus leeren Flaschen Fantasiegebäude.
Obwohl ich eher ein Einzelgänger war, habe ich wirklich nur schöne Erinnerungen an die Zeit in der “Kneipe”. Es war ja irgendwie immer was los. Alleine war ich nie. Es sei denn ich wollte es. Nur am Abend, wenn es ins Bett gehen sollte und ich wusste, dass meine Eltern die halbe Nacht drüben im Betrieb waren, überkam mich die Einsamkeit. Alleine im Haus? – Wer wollte das schon als Kind sein? Also bat ich meine Mutter stets um ein Kleidungsstück, dass nach ihr roch. Sie gab mir dann ihren Pullover oder Bluse, legte es mir an die Wange und kuschelte mich in meine Decke. Jeden Abend verabschiedeten wir uns mit dem Ritual und den abschließenden Worten “Mutti ist drüben. Schlaf schön.”
Als mein Vater dann starb, gab meine Mutter das Geschäft nach einer kurzen Weile auf und wir zogen aus. Das Gebäude steht heute leer. Die Decke des Saales ist mittlerweile heruntergefallen und die Holzbalken verrotten vor sich hin. Ein Baum wächst in das übrig gebliebene Gemäuer. Kein schöner Anblick. Doch was zählt sind die Erinnerungen. Und in diesen ist es einfach der tollste Platz um aufzuwachsen.
Ein Hoch auf Fahrstühle
Es gibt Verglaste, Gepanzerte, stink Normale, Kaputte, nach Urin stinkende und manchmal auch mit Musik Bedudelte. Gemeint sind natürlich Fahrstühle. Und trotz aller Unterschiede haben sie etwas entscheidendes gemeinsam – Im Brandfall sind sie nicht zu benutzen. Nein, gemeint ist eigentlich, dass sie mir momentan ungeheuerlich meinen Alltag erleichtern. Hätte nie gedacht, dass ich jetzt schon, mit 7-Monats-Kugel, auf Fahrstühle zurückgreifen muss. Als Bewohnerin einer Dachgeschosswohnung im 4. Stock (OHNE Fahrstuhl) hätte ich ja eigentlich auch trainiert sein können. Doch seit ein paar Tagen muss ich auf jeder Etage eine Zwangspause einlegen, da mir Luft und Kraft fehlen meinen Aufstieg in einem Zug durchzuführen. Ich fühle mich wie eine Oma, oder wie ein Walross, besser: ein betagtes Walross.
Gestern gings also ins Kino. “Alice im Wunderland” in 3D. NATRÜRLICH war das Kino oben. Das bedeutet, zig Treppenstufen und am Ende totale Erschöpfung. Es wurde also Zeit den Fahrstuhl des Kinos mal auszuprobieren. Und als ich da so in der Kabine stand und ich dank moderner Technik ohne Mühe die oberste Etage erreichte, dachte ich mir so: Schon toll, so ein Fahrstuhl, was für eine innovative Erfindung. Ein HOCH auf Fahrstühle!
Nach gut 2h Spielzeit war es auch schon wieder Zeit für den Heimweg. Der Film war btw. ziemlich gut und unterhaltsam. Etwas durchgeknallt (aber das weiß man bei einem Tim Burton Film ja vorher schon), aber wie sagte schon ein regional bekannter Magdeburger Blogger Radio-Moderator: Tim Burton kann alles, außer schlechte Filme machen. Nachdem mir mein Graf aus dem Auto helfen musste, durfte er auch noch meine Tasche tragen, als ich den Aufstieg zum “Mount Everest “ begann. Oben angekommen blieb nicht mehr viel vom Tage übrig, als eben gleichen Grafen vollzumaulen, warum wir keinen Fahrstuhl haben. Ich glaube er war ein wenig genervt von meiner “Schwaggroheit” (Ein Kofferwort aus “Schwanger” und “Aggro”) und ich könnte mir vorstellen, dass er mir in diesem Moment, nur einen flüchtigen, oberflächlichen Moment den “Fahrstuhl des Grauens” wünschte …
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